Neuigkeit "So lief das alles ab nach dem Unfall in der Wilhelminenstraße!"

Wilhelminenstraße Darmstadt
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24.8.2005:

Der ADFC Darmstadt unternimmt mit dem neuen Darmstädter Oberbürgermeister eine Radtour durch Darmstadt. Dabei erklärt der Oberbürgermeister, dass die Stadt eine Aktion 'Ich fahre fair' in der Darmstädter Fußgängerzone veranstalten will. Die Aktion soll dazu dienen, rasende Radfahrer und Radfahrerinnen in der Fußgängerzone zur Rücksichtnahme und Einhaltung der Verkehrsregeln anzuhalten. Der Oberbrügermeister fordert den ADFC auf, sich daran zu beteiligen. Es folgen mehrere Kontakte zwischen dem OB-Büro und dem ADFC, der kritisiert, dass einseitig nur der Radverkehr thematisiert wird.

8.9.2005:

Ein 16-jähriger fährt auf seinem Fahrrad mit hoher Geschwindigkeit die Wilhelminenstrasse in nördlicher Richtung bergab. Er prallt gegen einen 27-jährigen, der zu dem Zeitpunkt sein Fahrrad schob.

Der 16-jährige wird nur leicht verletzt, der 27-jährige erleidet starke Kopfverletzungen und wird im Hubschrauber in eine Klinik nach Frankfurt gebracht. Das Unfallopfer wird zunächst in ein künstliches Koma versetzt. Die Ärzte sprechen von andauernder Lebensgefahr. Gegen den 16-jährigen Unfallverursacher wird polizeilich ermittelt.

9.9.2005:

Am Tag nach dem Unfall wird die Wilhelminenstraße im abschüssigen Teil in beide Richtungen für Radfahrer gesperrt. An den Kreuzungen Elisabethenstraße und Hügelstraße am oberen Ende werden die entsprechenden Schilder (Verkehrszeichen 254, gesperrt für Radfahrer) aufgehängt. Bild Nördlich der Kreuzung Wilhelminenstraße / Elisabethenstraße werden große Tafeln aufgestellt, die erklären, dass Radfahrer in der Fußgängerzone im Schritttempo fahren und auf Fußgänger Rücksicht nehmen müssen. Es werden seitens der Straßenverkehrbehörde Kontrollen angekündigt. Zuwiderhandlungen gegen das Fahrverbot sollen zunächst gebührenfrei verwarnt werden.

Diese erste Runde der Sperrungen bleibt bis zum 31.10.05 bestehen.

9.9.2005:

Erste ADFC Pressemitteilung zum Unfall.

16.9.2005:

ADFC Aktivist Felix Greiner trifft sich zum Thema Unfall Wilhelminenstraße mit HR-online Redakteur Stephan Willert.

1.10.2005:

Der 27-jährige Mann wird aus dem Koma erweckt. Schon im Krankenhaus wird mit Rehabilitationsmaßnahmen begonnen.

13.10.2005:

Aktion 'Ich fahre Fair'

Von 11:30 bis 13:00 Uhr werben Oberbürgermeister Hoffmann und Verkehrsdezernent Wenzel für ein rücksichtsvolles miteinander der Radfahrer und Fußgänger. Ein Parcours wird auf der Wilhelminenstraße nördlich der Elisabethenstraße aufgebaut, auf dem man Schrittgeschwindigkeit fahren üben kann. Ein Button 'Ich fahre Fair' wird verteilt. Der ADFC ist durch Vorsitzenden Jörg Urban vertreten. Auch Ordnungsamt, Polizei und Verkehrswacht sind vor Ort. Zahlreiche Kfz behindern die Aktion, werden wohl auch mündlich verwarnt. Mit Passanten kommt es zu teilweise heftigen Diskussionen für und wider Radfahren in der Fußgängerzone. Wenzel stellt die Planungen vor, die mehrere doppelreihige Schwellen im abschüssigen Bereich der Wilhelminenstraße vorsehen. Die Sperrung für den Radverkehr soll nach Anbringung der Schwellen wieder aufgehoben werden. Der ADFC erfährt erstmals davon.

31.10.2005:

Im Laufe des Montag werden vier Doppelreihen Fahrbahnschwellen auf dem abschüssigen Teil der Wilhelminenstraße montiert. Mit der Fertigstellung wird das Fahrverbot aufgehoben.

Die Schwellenelemente sind ca. 4-5cm hoch und 50cm lang. Eine Reihe sperrt jeweils den gesamten Bereich der Straße zwischen den Baumkästen. Zu den Häusern hin werden keine Schwellen montiert. Die Schwellenelemente werden versetzt montiert, so dass das Durchfahren durch die Lücken dazwischen nicht möglich ist. Der Abstand der Schwellenelemente in den Doppelreihen in Fahrtrichtung beträgt ca. 28cm, so dass kaum ein größerer Schuh dazwischen passt.

Einige Tage später werden die Schwellen der besseren Sichtbarkeit wegen mit weißer Markierungsfarbe versehen.

Die Schwellen bleiben bis zum 18.11.2005.

2.11.2005:

Eine 71-jährige Frau stürzt über die Schwellen und bricht sich beide Oberarme. Sie wird in ein Krankenhaus eingeliefert.

3.11.2005:

Im Darmstädter Echo werden Äußerungen von Seiten der Stadt zitiert, die 'Radler vor Missbrauch' der Fahrbahnschwellen, sowie der unbeschwellten Freiräume in Häusernähe, warnt. Mehrere Radfahrer umfahren die Fahrbahnschwellen seitlich nahe der Geschäfte, was Konflikte mit Fußgängern hervorruft.

Hinweis des ADFC dazu: Aufgrund des Rechtsfahrgebotes müssten Radfahrer streng genommen sogar jeweils in Fahrtrichtung rechts, d.h. direkt neben den Hauseingängen, fahren. Dass dies hier nicht nur wenig sinnvoll sondern sogar gefährlich ist, zeigt, welche juristischen Probleme solche Konstruktionen hervorrufen.

4.11.2005:

Die Ermittlungsakte in Sachen Unfall vom 8. September wird von der Polizei an die Staatsanwaltschaft weitergegeben.

7.11.2005:

Ein 84-jähriger Mann stürzt über die Schwellen und zieht sich Schürfwunden an Händen und Gesicht zu. Ausserdem zerbricht seine Brille.

9.11.2005:

'Runder Tisch Radverkehr', ein zweimal jährlich stattfindendes Treffen zwischen Vertretern der Stadt Darmstadt (Verkehrsbehörde, Planungsamt, Tiefbauamt, Ordnungsamt), Polizei, Vertretern der politischen Parteien und dem ADFC Darmstadt. Hauptthema ist der Unfall von 8.9.2005. Der ADFC protestiert dagegen, dass er nicht zu den Entscheidungen (Sperrung, Schwellen) gehört wurde, ist enttäuscht, dass nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit solch gravierende Maßnahmen ohne jegliche Rücksprache durchgeführt werden. Gefordert wird die umgehende Entfernung der Schwellen aus Verkehrssicherheitsgründen. Der ADFC sieht für Radfahrer erhebliche Sturzgefahr, vor allem, wenn im Winter Schnee die Schwellen unkenntlich macht oder die Schwellen durch Nässe oder Eisbildung besonders glatt werden. Der ADFC kritisiert, dass die Stadt mit 'zweierlei Maß misst'. Bei Unfällen mit Kfz-Beteiligung werden auch nicht gleich ganze Straßen gesperrt. Die Sperrung stellt eine Kollektivstrafe dar und trifft vor allem die ordentlichen Radfahrer, die sich ohnehin an die Regeln halten. Gefordert werden Maßnahmen mit Augenmaß und Verhältnismäßigkeit.

Der ADFC schlägt Maßnahmen auf zwei Ebenen vor:

Ebene 1, Administrative: Seitens der Stadtverantwortlichen soll der Radverkehr positiver dargestellt werden. Eine Imagekampagne für das Fahrrad wird gefordert. Oberbürgermeister, Bürgermeister, Dezernenten usw. sollen sich demonstrativ hinter den Radverkehr stellen und dessen wichtige Bedeutung für Darmstadt hervorheben. Dies soll auch durch praktische Beispiele demonstriert werden. Der genannte Personenkreis wird aufgefordert, selber mit dem Fahrrad zu fahren, auch zur Arbeit. So soll auch Bürgernähe demonstriert werden. An den Schulen soll das Thema angesprochen und bearbeitet werden.

Ebene 2, Technische: Banner sollen über der Wilhelminenstraße gehängt werden auf denen auf den Vorrang und die erforderliche Rücksichtnahme gegenüber Fußgängern seitens der Fahrzeuglenker (Radfahrer, Autofahrer, ÖPNV) hingewiesen wird. Polizei-Fahrradstreifen in Uniform sollen in der ganzen Fußgängerzone immer wieder Steife fahren und verkehrswidriges Verhalten ahnden. Weitere technische Maßnahmen einschließlich Alternativrouten sollen erarbeitet werden.

11.11.2005:

Eine 34-jährige Frau stürzt über die Schwellen und zieht sich Schürfungen und Prellungen am Knie zu.

12.11.2005:

Eine 61-jährige Frau fällt an dem Schwellen aufs Knie und zieht sich eine Schürfung am Finger zu.

13.11.2005:

Ein 46-jähriger Radfahrer stürzt über die Schwellen und zieht sich Schürfungen und Prellungen am Knie zu.

17.11.2005:

ADFC Vorsitzender Jörg Urban trifft sich 'vor Ort' mit Sat-1 Regionalredakteuren der Sendung '17:30 live'. Interview und Aufnahmen werden gemacht. Die Sendung soll bereits am nächsten Tag ausgestrahlt werden.

18.11.2005:

Die Schwellen werden abgebaut. Der Grund für den Abbau der Schwellen sind die Unfälle, die anzeigen, dass die Schwellen mehr schaden als nutzen. Bild

Es wird erneut ein Fahrverbot auf dem abschüssigen Teil der Wilhelminenstraße verhängt, diesmal jedoch nur bergab, in nördlicher Richtung. Bild Erneut werden Kontrollen durch die Ordnungskräfte angekündigt, diesmal mit Androhung von kostenpflichtigen Verwarnungen.

Hinweis des ADFC hierzu: Die Sperrung nur in Richtung bergab ist juristisch problematisch. Radfahrer, die bergauf fahren und dann VOR dem ersten Schild umkehren, dürfen legal wieder herunterfahren, weil sie ja das Schild nicht gesehen haben. Laut Straßenverkehrsordnung müssen Verkehrsregeln vor Ort so gestaltet sein, dass sie auch von ortsunkundigen Verkehrsteilnehmern eindeutig verstanden werden. Das ist hier nicht gegeben.

Eine Entscheidung, welche abschließende Maßnahme hier ergriffen wird, soll bei einem Workshop am 26.1.06 geklärt werden.

In der Fernsehsendung '17:30 live' im Sat-1 Regionalprogramm wird ein Bericht über die Schwellen und die Unfälle gebracht. Der ADFC kommt darin jedoch nicht vor.

22.11.2005:

Die Reste der Schwellenmarkierungen in der Wilhelminenstraße werden entfernt. Bild

23.11.2005:

Das Unfallopfer vom 8.9.05 wird aus dem Krankenhaus entlassen, bleibt jedoch weiterhin krank geschrieben.

24.11.2005:

Laut einem Bericht des Darmstädter Echo will die Staatsanwaltschaft umgehend Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den Unfallverursacher erheben.

Das Unfallopfer erwägt eine Klage gegen die Stadt wegen mangelnder Verkehrssicherung.

8.12.2005:

Darmstädter Echo Redakteurin Anette Wannemacher trifft sich mit ADFC Vorsitzendem Jörg Urban. Eine kleine Radtour zu teils guten, teils kritischen Stellen für den Radverkehr in Darmstadt wird unternommen, dabei auch die Wilhelminenstraße. Im 'Echo' erscheint daraufhin am nächsten Tag ein großer Artikel zum Thema Radverkehr.

Administrator

Zuletzt geändert am 26.9.2017 09:45 Uhr von Administrator
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